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B-Seite

BEATSTEAKS - Die gute Seite





Es ist ein verdammt kalter Novemberabend in Berlin. Vor dem Kino International stehen schlotternde Menschen brav und geduldig in der Schlange. Sie alle wollen dabei sein, wenn heute abend - nach acht Monaten harter Arbeit - die 'B-Seite', die erste DVD der Beatsteaks, ihre Premiere feiert. Als sich etwas später der Vorhang öffnet, betritt eine sichtlich nervöse Band die ungewohnte Bühne, um das "Herzstück" der Doppel-DVD anzukündigen: einen Film über die ersten zehn Jahre der Band oder "The Story of Arnim, Bernd, Peter, Thomas und Torsten".


Eine gute Stunde später ist man als Zuschauer um einiges schlauer und jede Menge Lachtränen ärmer, und man wird das Gefühl nicht los, erneut Augenzeuge dieser ganz besonderen Geschichte geworden zu sein. Einer Erfolgsgeschichte, eine von und mit Musik, von Hochs und Tiefs - vor allem aber eine von Freundschaft.


Vier Alben haben die Beatsteaks bisher veröffentlicht. Jedes für sich steht Pate für ein Kapitel des Films - liebevoll und mit dem ganz eigenen Beatschnitzel-Humor aus Einblicken hinter die Kulissen, Livemitschnitten und aktuellen Interviews mit den Bandmitgliedern zusammengestellt. So dürfen wir die fünf Berliner von den ersten Anfängen im Proberaum über die Aufnahmen vom Debüt '48/49', das Mastering von dessen Nachfolger 'Launched' in New York, der Tour mit Die Ärzte, die die Arbeit an Album Nummer Drei ('Living Targets') unterbrach, das Wohnzimmer-Konzert in Leipzig bis hin zu Festivalauftritten im Rahmen der 2004er 'SmackSmash'-Tour begleiten - um nur einige Stationen zu nennen. Außerdem wird jedes Kapitel mit einer kleinen Animation eingeleitet, die nicht nur optisch an Monty Python erinnert. Als Sprecher konnte man die deutsche Stimme von John Cleese gewinnen und liegt auch damit augenzwinkernd wieder ganz weit vorne.


Schnell wird klar, was für ein Glück es war und ist, dass Arnim sich vom Rest der Band vor mehr als zehn Jahren nicht nur zum Singen hat überreden lassen, sondern seitdem auch scheinbar immer eine laufende Kamera dabei hatte. So füllten sich Schränke und Schubladen Jahr für Jahr mit neuem Material, aus dem es für die 'B-Seite' eine Auswahl zu treffen galt. Keine einfache Aufgabe, wie auch Gitarrist Peter Baumann weiß: "Wir hatten viel zu viel Material, um es selber zu sichten. Hätten wir uns das aufgehalst und hätten dann auch noch unter fünf Meinungen entscheiden müssen, was schließlich auf die DVD kommt - ich glaube, dann wären wir wohl schon in der Anfangsphase gescheitert. Es war also nicht nur gut, sondern auch sehr wichtig, jemanden von außen draufgucken und entscheiden zu lassen." Sofia Bavas, verantwortlich für Buch und Regie, übernahm diese Aufgabe und die Verantwortung - und meisterte sie mit Bravour.


Der amüsierte Betrachter stellt sich die Frage, wie denn wohl so ein Wiedersehen mit sich selbst ist, und gibt sie beim Interview mit allen fünf Beatsteaks einfach mal an die Kerle weiter. "Das ist wie Teenagerfotos angucken, nur mit Sound", erklärt Arnim. Macht Sinn, allerdings mit dem feinen Unterschied, dass ich meine Teenagerfotos nur sehr ungern einer so breiten Öffentlichkeit zugänglich machen wollen würde. "Hier und da ist es schon auch unangenehm, aber ich bin vor allen Dingen stolz auf unsere bisherige Geschichte. Es gibt den einen Moment, wenn ich den überwunden habe, gucke ich mir das gerne in voller Länge an. Als wir den Film zum ersten Mal gesehen haben, waren wir alle ziemlich erleichtert." Der Rest nickt zustimmend und Peter beschreibt die größte Sorge: "Dass man irgendwie dasteht, wie man nicht dastehen möchte. Natürlich passiert das auch. Vermutlich ist es sogar einfacher, das ganze cool aussehen zu lassen. Ich persönlich bekomme halt auf der einen Seite schnell Bauchschmerzen, wenn es um Dinge geht, von denen ich der Meinung bin, dass sie niemanden etwas angehen. Auf der anderen Seite ist es natürlich genau das, was es für den Betrachter interessant macht. Wenn er uns so sieht, wie wir eben sind, ganz normale Menschen, die mal ernst, mal lustig und auch mal peinlich sind. Wir wollten einfach eine Geschichte erzählen, so wie sie ist. Und das ist uns gelungen." Stimmt.


Unglaubliche Szenen erblicken so also nun das Licht der Öffentlichkeit, und man bekommt das Gefühl, dass die Band einen mit einer gehörigen Portion Selbstironie schon verdammt nah ranlässt. Sei es betrunken im Tourbus, rappend im Backstage oder beim allerersten Konzert auf einem Abiball (auf der DVD zu finden übrigens auch unter 'Bonusmaterial'), das nicht nur auf Grund der Frisuren und Klamotten Geschichte schrieb, wie Arnim sich erinnert: "Wir fünf saßen anschließend draußen und rauchten noch reichlich aufgeregt unsere Zigaretten. Alle waren total geflasht. Live spielen! Ich hatte bis dahin noch nie so einen Kick erlebt - damals hat man natürlich nicht darüber nachgedacht, ob und wie man das verbessern könnte. Klar war nur: Das machen wir öfter. Es gibt nichts Besseres!"


Von den fünf der Ursprungsbesetzung, die da damals zusammen rauchten, haben über die Jahre zwei die Band verlassen: Bassist Ali und Schlagzeuger Stefan 'Steffi'. Auch hier hat sich der Film eine ganz besondere Geschichte ausgedacht, die ihr euch zwar selber angucken müsst, die aber wieder einmal - wenn auch erst auf den zweiten Blick - von ganz besonderer Freundschaft erzählt. "Ein Besetzungswechsel ist ja nichts wirklich Neues oder ganz fürchterlich Schlimmes - auch wenn man das in dem Moment anders empfindet - aber aus heutiger Sicht kann man das schon so darstellen", erklärt Peter und Bernd fügt zustimmend hinzu: "Gerade die Art und Weise, wie wir die Geschichte erzählen, verrät viel mehr über uns und lässt keinen Zweifel daran, dass wir uns mit Ali und Steffi immer noch super verstehen."


Und so endet der Film auf Seiten der Band mit dem Wunsch, dass doch alles einfach so bleiben möge wie es ist, und beim Betrachter, dass er doch viel zu schnell vorbei war. Was kann es Besseres geben?


Zumindest Letzterem kann geholfen werden, handelt es sich doch um eine Doppel-DVD, auf der es natürlich noch eine Menge zu entdecken gibt. Da ist zunächst der Zusammenschnitt aus insgesamt vier Konzerten: dem sagenhaften Beatsteaks-Auftritt bei sally*sounds 04, dem Festival zur 100. Ausgabe unclesally*s in der Berliner Deutschlandhalle, einem Club-Gig im Capitol in Hannover sowie dem Taubertal- und schließlich dem Hurricane-Festival. Kein Vergleich natürlich zu dem tatsächlichen und schweißgetränkten Eindruck, den diese Band hinterlässt wie keine zweite, aber trotzdem eine unterhaltsame und beeindruckende Dokumentation der wohl besten Live-Band Deutschlands (die noch weitaus unterhaltsamer wird, wenn man die Kommentare der Bandmitglieder einschaltet - unbedingt ausprobieren).


Auf der 'B-Seite' sind neben reichlich Bonusmaterial auch sämtliche bisherigen Beatsteaks-Videos, inklusive des eigens für die DVD produzierten Clips für 'Frieda Und Die Bomben' (mit Jan von Turbostaat) sowie ein Live-Mitschnitt der ?Teenagers?, einer ?befreundeten Band aus (Berlin-) Britz?, die beim Wohnzimmerkonzert ihre (ganz) eigene Version von 'My Revelation' zum Besten gab. Während Peter und Thomas ganz klar 'Frieda Und Die Bomben' als ihr persönliches Highlight betrachten, liegt bei Torsten und Arnim das Video zu 'Summer' ganz vorne im Rennen. "Das ist eine komische Geschichte", erzählt Arnim. "Als ich den ersten Schnitt gesehen habe, habe ich das Video nicht gemocht. Und jetzt finde ich es wirklich gut. Ich habe mich auch neulich erst per SMS beim Regisseur entschuldigt." Auch das ist etwas, was der Film hervorragend transportiert und was diese Band auszeichnet: eine bestechend ehrliche, mal selbstkritische, mal selbstironische, aber immer unglaublich sympathische Art, mit sich und den Dingen umzugehen.


Zehn Jahre Beatsteaks - das ist auch ein Rückblick, der vor allem eine Erfolgsgeschichte erzählt. Schließlich sind die Beatsteaks heute bekannt wie bunte Hunde, nicht zuletzt deshalb, weil ihr jüngstes Album 'Smacksmash' wochenlang ganz oben in den Hitlisten verankert war. Realisiert man diesen Erfolg als Beteiligter eigentlich, ignoriert man ihn lieber oder wie geht man mit ihm um? "Was mit uns passiert ist, ist schon krass", sagt Bernd. "Und ich finde, die DVD ist da ein ganz guter Fixpunkt. Weil man sich erinnert, wie das vor zehn Jahren war: die Abifeier, AK 47 in Düsseldorf (ein legendärer Gig mit drei zahlenden Zuschauern und sieben verkauften CDs), die erste Tour und jetzt steht man auf einem Festival in Polen vor 300.000 Leuten." Peter sieht die Sache so: "Also, ich mache mir das nicht so bewusst. Ich wache morgens nicht auf denke darüber nach, wie erfolgreich wir gerade sind. Mein Vater fragt mich manchmal, ob mir klar ist, dass das hier eine absolute Traumkarriere ist. Dann antworte ich mit: 'Ja, das weiß ich', aber es bringt auch nichts, ständig drüber nachzudenken. Ich weiß nur, dass man daran festhalten muss, wie wir das alles gemacht haben. Jetzt schon zurückzublicken, das gefällt mir nicht. Ich versuche einfach, es zu genießen, wie es ist. Wenn man allerdings drüber nachdenkt, wird es krass. Auch wenn man die Bilder vom 'Hurricane Festival' sieht und sich klarmacht, dass da gerade die Leute durchdrehen, weil wir auf der Bühne stehen - aber dann kann man sich auch drüber freuen und ist eher bestärkt, irgendetwas richtig gemacht zu haben." Thomas sieht das Ganze eher pragmatisch: "Die Tatsache, dass da etwas krass ist, bringt ja auch mehr Annehmlichkeiten. Ich kann mich den ganzen Tag um die Band kümmern und muss nicht wie früher acht Stunden zur Arbeit und dann zum Proben gehen. Das ist doch total cool." "Wir sind eigentlich die meiste Zeit damit beschäftigt, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen und immer wieder für uns zu relativieren", beschreibt Arnim die Situation, und auch Torsten nimmt´s locker: "Ich war bei der Premiere von dem Hansen-Film, 'Keine Lieder über Liebe'. Als die Schauspieler rauskamen und das Blitzlichtgewitter losging, merkt man schon, dass Popularität auch anstrengend werden kann. Aber so ist das bei uns ja auch nicht. Ich freue mich immer noch, wenn man irgendwo erkannt wird. Das empfinde ich als Kompliment an die Band - die erkennen ja nicht Torsten Scholz, sondern den Typen, der bei den Beatsteaks Bass spielt. Da peinlich berührt zu sein, finde ich albern - darüber muss man sich einfach stumpf freuen."


Viele behaupten ja, in Deutschland Erfolg zu haben, sei ungleich schwieriger als beispielsweise in Amerika, weil er einem hierzulande so wenig gegönnt wird. "Neider gibt es seit dem ersten Tag", weiß Arnim zu berichten. "Aber mir kann keiner was, wenn ich glücklich mit dem bin, was ich tue. Wenn wir als Band mit dem nächsten Album an dem gleichen Punkt sind wie beim letzten, als wir die Vorwürfe von vielen Journalisten, dass das Album zwar gut, aber nicht so gut wie das letzte sei, mit einem Lächeln vom Tisch wischen konnten. Dann sind wir wieder glücklich mit einer Platte, die wir gemacht haben. Und wer von der Platte nicht überzeugt ist, den werden wir spätestens live flashen. Hauptsache, alle sind dann noch gesund und wir können den Traum noch eine Weile weiterträumen und -leben."


Zwei gute Stichworte. Dass sie gerade und mit den Toten Hosen aufbrachen, um die Argentinier live zu "flashen", war in der letzten Ausgabe ja schon ausführlich zu lesen. Trotzdem auch an dieser Stelle nochmal ein kleiner amüsanter Rückblick. "Campino hat mir noch im Flugzeug ein paar Ratschläge gegeben: 'Wunder dich nicht, wenn sie spucken. Das heißt nur, dass alles super ist?", grinst Arnim und weiß, dass "die Ramones immer dann, wenn sie in Argentinien gespielt haben, riesige Ventilatoren in den Graben gestellt haben, die nicht auf die Bühne, sondern ins Publikum gepustet haben, damit die Spucke 'ne Kurve zieht." Und? Haben sie gespuckt? "Sie haben!, grinst er.


Neben der Stadtund den 15.000 Leuten, die die Gitarrenriffs und jeden einzelnen Buchstaben von 'Hier Kommt Alex' mitsingen können, waren es vor allem die Hosen, die einen besonderen Eindruck hinterließen. "Wir konnten sie nochmal von einer ganz anderen Seite kennen lernen und kriegen immer mehr Respekt. Ich war nie wirklich ein großer Toten Hosen-Fan, aber das sind wirklich großartige Typen mit einer ebensolchen Geschichte. Was die schon alles erlebt haben! Das ist eben auch eine echte Gang, und das ist schön zu sehen", erzählt Arnim, der gerade im letzten Punkt natürlich auch Parallelen zum eigenen Bandgefüge sieht. Und Torsten findet, dass man sich bei Campino und Co. "eine Menge abgucken kann. Wie man Leute behandelt, wie man mit der Crew umgeht. Da gibt es nämlich keine Unterschiede, das muss alles auf einem Level bleiben und das kriegen die ganz gut und irgendwie selbstverständlich hin."


Bandpolitik hat auch bei den Beatsteaks immer eine zentrale Rolle gespielt. Was macht man warum und mit wem und was lässt man lieber - das waren immer schon wichtige und diskussionswürdige Fragen. So war laut Arnim ein ausschlaggebendes Argument, die DVD überhaupt zu machen, die Tatsache, "dass wir Leute in unserem Umfeld hatten, denen wir vertrauen konnten". Wie entsteht so eine Basis, auf der man Entscheidungen trifft und wie verändert sie sich? "Durch schlechte Beispiele", erklärt Peter plausibel. "Die Frage ist gar nicht so sehr, wie man sein will, sondern eher, wie man nicht sein will. Wir haben schon fast immer auf jeden Flyer geguckt. Bis auf den ersten, wo ich noch draufgeschrieben habe: 'Zwischen Punk und Hardcore klafft eine Lücke - wir schließen sie.' Das klingt wie ein sehr schlechter Baumarkt-Spruch (alle lachen). Da hatte mir jemand eingeredet, dass wir unbedingt einen Slogan brauchen. Also durch schlechte Beispiele und eigene Fehler findet man raus, was man so machen mag und was nicht. Und ich finde, da bleibt nicht wirklich viel übrig."


Übrig bleibt auf jeden Fall die Frage nach dem nächsten Album. "Ein kleiner Tipp" kommt von Arnim: "Ich sage mal: Anfang 2007. Wir werden jetzt sehen, wo uns 'Smacksmash' noch so hintreibt. Aber sonst sind wir erstmal zu Hause und gucken, was so geht. Wenn wir an Musik arbeiten, dürfen wir an nichts anderes mehr denken. Mehr können wir noch nicht sagen. Wir wollten ja anfangs für die DVD einen neuen Song schreiben und haben auch zwei, drei neue Songideen entwickelt. Aber uns fehlte dann einfach die Kraft, sie fertig zu stellen, weil wir so hart an der DVD gearbeitet haben. Alles weitere brutzelt jetzt schön in der Beatsteaks-Kammer."


Da lassen wir es und die Fünf mal in Ruhe brutzeln, freuen uns auf das Ergebnis und die nächsten zehn Jahre.


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Text: Caroline Frey
Foto: Ben Wolf


Quelle: Uncle Sally*s, Dez./Jan. 2005-06/Ausgabe 112